Heimatvertriebene prägen die Region
Wer durch Neuenhaßlau und Niedermittlau geht, sieht eine Geschichte, die heute kaum noch erzählt wird: Nach 1945 veränderte ein Bevölkerungsumbruch diese Dörfer tiefgreifend — und er ist bis heute in Stein gebaut.
Der große Zuzug nach 1945
Mit der Potsdamer Konferenz 1945 wurde Hessen die Aufnahme von rund 721.000 Vertriebenen zugewiesen. Mit Abstand größte Herkunftsgruppe waren die Sudetendeutschen (rund 60 %), dazu Ungarndeutsche und Vertriebene aus weiteren Gebieten. Sie kamen über mehr als 200 Durchgangslager ins Land; insgesamt wurden bis in die 1950er Jahre etwa 1,8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene Hessen-Neubürger — heute hat rund ein Drittel der Hessinnen und Hessen einen familiären Bezug zu Flucht und Vertreibung.
Die Aufnahme war vielerorts kühl bis feindselig. Zeitungen titelten „Das graue Elend kommt", und überliefert ist der Satz einer Anwohnerin: „Mir wolle hier koa Flichtling!" Dass aus Fremden Nachbarn wurden, war Arbeit von Jahren — kirchliche und karitative Hilfe spielte dabei eine große Rolle.
Vor Ort: aus Vertriebenen wurde eine neue Gemeinde
Nach Niedermittlau kamen rund 400 Heimatvertriebene, vor allem aus dem Kreis Mährisch-Trübau im Sudetenland. Neuenhaßlau zählte 1958 schon 2.160 Einwohner — davon 878 Neubürger, unter ihnen viele Ungarndeutsche. Die überwiegend katholischen Vertriebenen trafen auf eine seit der Reformation protestantisch geprägte Region: zwei Konfessionen, die hier neu zueinanderfinden mussten.
Ein stilles Zeugnis dieses Miteinanders: Die katholische Gemeinde Niedermittlau feierte ihre ersten Messen in der evangelischen Laurentiuskirche, die der protestantische Pfarrer den Neubürgern öffnete.
In Stein gebaut — die Kirchen als roter Faden
Die sichtbarste Spur dieses Umbruchs sind drei Nachkriegskirchen, die das Portal als Orte verknüpft:
- Maria, Hilfe der Christen (Neuenhaßlau) — die „Kirche der Heimatvertriebenen", auf Beschluss des katholischen UNITAS-Verbandes erbaut und 1956 geweiht; als „Franz-Hitze-Gedächtnis-Kirche" benannt.
- St. Joseph (Niedermittlau) — Pfarrkirche der Vertriebenengemeinde aus Mährisch-Trübau, 1961 geweiht; eine Empore wurde „in Erinnerung an die Heimat" eingebaut.
- Christuskirche (Neuenhaßlau) — das evangelische Gegenstück: Auch die protestantische Gemeinde wuchs durch den Zuzug; aus einer Notkirche (Baracke, 1949) wurde 1958 der Neubau.
Mach mit
Diese Schicht der Regionalgeschichte ist erstaunlich wenig erzählt — obwohl sie fast jede alteingesessene wie zugezogene Familie berührt. Hessen baut dazu inzwischen einen eigenen Forschungsschwerpunkt auf; vor Ort sammelt der Geschichtsverein Hasselroth Erinnerungen. Wenn du Fotos, Dokumente oder Familiengeschichten zu Flucht, Ankunft und Ankommen in der Region beitragen kannst, freut sich das Portal über jeden Hinweis über „Ort melden".
Quellen: Hessische Landeszentrale für politische Bildung, Heimatvertriebene in Hessen; Bildungsportal „Flucht und Vertreibung", Ankunft in Hessen; Kirchengemeinden Freigericht-Hasselroth und ev. Kirchengemeinde Hasselroth; Wikipedia Heimatvertriebene. Die verknüpften Orte tragen ihre Einzelnachweise selbst.